Das Hormon Progesteron ist in ausreichend hohen Konzentrationen nötig, damit eine Frau schwanger wird und auch schwanger bleibt. Deshalb findet Progesteron Anwendung bei Frauen

  • mit Lutealphaseninsuffizienz oder Progesteronmangel,
  • im Rahmen der Kinderwunschbehandlung sowie
  • zur Prophylaxe von Frühgeburten und Aborten bei entsprechender Gefährdung.

Erfahren Sie hier mehr zu den Therapieoptionen mit Progesteron.

Progesteron in der Fortpflanzung

Progesteron spielt eine zentrale Rolle auf allen Ebenen der Fortpflanzung und bei der Kinderwunschbehandlung.

Progesteron fördert und erhält die Schwangerschaft

Progesteron wirkt auf vielfältige Weise an der Gebärmutter (Uterus). Beispielsweise sorgt Progesteron in der 2. Zyklushälfte (Lutealphase) dafür, dass sich die Gebärmutterschleimhaut (Endometrium) umwandelt. Sie bildet mehr Drüsen und viele geschlängelte Blutgefäße. Dadurch ist sie gut auf die Einnistung der befruchteten Eizelle vorbereitet. Der Embryo findet während der frühen Schwangerschaft einen guten Anschluss an das mütterliche Blutsystem und wird dadurch ausreichend mit Nährstoffen versorgt. Generell gehen viele typische Veränderungen in der Schwangerschaft auf Progesteron zurück: Die werdende Mutter hat dauerhaft eine erhöhte Basaltemperatur sowie einen stärkeren Appetit und atmet tiefer. Progesteron beeinflusst zudem die Gebärmuttermuskulatur, verhindert Muskelanspannungen und damit vorzeitige Wehen. Auch an den Brüsten beginnen die Vorbereitungen für das Baby: Progesteron bereitet die Brustdrüsen darauf vor, Milch zu produzieren und abzugeben.

Sinnvolle Aufgabenteilung: Der sogenannte Gelbkörper (Corpus luteum) ist dafür verantwortlich, dass Progesteron in der Lutealphase (Gelbkörperphase) produziert und ans Gewebe abgegeben wird. Wenn sich eine befruchtete Eizelle einnistet, wächst der Gelbkörper und erhält die Schwangerschaft über die ersten zwei bis drei Monate. Anschließend übernimmt der Mutterkuchen (Plazenta) sozusagen das Kommando und produziert selbst Progesteron. Der Gelbkörper bildet sich dann langsam zurück.

Progesteron bei Lutealphaseninsuffizienz

Ist die 2. Zyklushälfte (Lutealphase) kürzer als 10 Tage, spricht man von einer Gelbkörperschwäche oder Lutealphaseninsuffizienz. Da in der Lutealphase das Hormon Progesteron produziert wird, ist die Verkürzung oftmals mit einem Progesteronmangel verbunden. Dies führt häufig zu Symptomen, wie Gewichtszunahme, Schlafstörungen oder Zyklusstörungen. Eine Schwangerschaft ist dann meist nicht möglich. Daher ist die Gabe von Progesteron bei Kinderwunsch erforderlich, um die Gelbkörperphase zu unterstützen und die zweite Zyklushälfte zu verlängern. Progesteron kann auch ergänzt werden, wenn der Progesteronwert zu niedrig ist.

Progesteron in der Kinderwunschbehandlung

Bei der künstlichen Befruchtung zeigt sich ganz besonders, wie wichtig Progesteron für die Schwangerschaft ist. Für eine künstliche Befruchtung gibt es mehrere Methoden, die von der Ausgangslage des Paares abhängen, das sich eine Schwangerschaft wünscht. Möglich ist, die Spermien direkt in die Gebärmutter einzubringen (Intrauterine Insemination). Daneben gibt es die In-vitro-Fertilisation (IVF) und die Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI). Für IVF und ICSI ist eine vorausgehende Stimulation der Eizellreifung durch spezielle Hormone zwingend nötig, aber auch vor einer Insemination kann dies je nach den Umständen notwendig sein. Dabei erhält die betreffende Frau Hormone, um meist mehrere Eizellen heranreifen zu lassen. Durch die intensive hormonelle Stimulation ist die Lutealphase kürzer als in einem normalen Zyklus. Sie muss deshalb durch Medikamente unterstützt werden. Am häufigsten wird dazu in Deutschland Progesteron vaginal angewendet. Meist erfolgt die vaginale Anwendung von Progesteron ab dem Tag der Eizellentnahme, auf keinen Fall später als zum Zeitpunkt des Embryotransfers. Nach etwa 14 Tagen wird ein Schwangerschaftstest durchgeführt. Bei positivem Schwangerschaftstest sollte Progesteron bis zum Nachweis der Schwangerschaft mittels Ultraschall oder bis zur 8.–12. Schwangerschaftswoche (SSW) weiter vaginal angewendet werden. Bei negativem Schwangerschaftstest ist die Progesteronanwendung zu beenden.

Progesteron und Schwangerschaftserhalt

Der Einsatz von Progesteron kann in verschiedenen Situationen Eintritt und Erhalt einer Schwangerschaft unterstützen.

Progesteron bei erhöhtem Frühgeburtsrisiko

Am Ende der Schwangerschaft verkürzt sich der Gebärmutterhals (Zervix), um die Geburt einzuleiten. Wenn sich der Gebärmutterhals zu früh verkürzt, besteht ein erhöhtes Risiko für eine Frühgeburt. Die Länge des Gebärmutterhalses kann durch eine – heute meist noch – vaginale Ultraschalluntersuchung im 2. Trimester gemessen werden. Verschiedene Studien zeigen, dass weniger Frühgeburten auftreten, wenn Frauen mit vorzeitig verkürzter Zervix im 2. und 3. Schwangerschaftstrimester Progesteron vaginal anwenden1-3. Daher wird Progesteron bei Frauen mit vorzeitig verkürztem Gebärmutterhals unterstützend in der Schwangerschaft eingesetzt. Überdies kann es sinnvoll sein, dass Patientinnen mit vorausgegangenen Frühgeburten vorbeugend Progesteron erhalten4,5.

Progesteron bei wiederholten Fehlgeburten oder drohender Fehlgeburt

Man nimmt an, dass bis zu 50 % aller Schwangerschaften in einer Fehlgeburt (spontaner Abort) enden. In den meisten Fällen kommt es in den ersten zwei bis drei SSW zur Fehlgeburt. Diese frühen Aborte bleiben von der betroffenen Frau meist unbemerkt. Denn die dabei auftretende Blutung wird oftmals als verspätete Periode wahrgenommen. Wiederholte Fehlgeburten, die als solche wahrgenommen werden, sind zwar deutlich seltener, dennoch ist dies für die etwa 1 bis 3 % der betroffenen Paare eine tiefgreifende Problematik6. Von einem habituellen Abort spricht man, wenn drei oder mehr Spontanaborte nacheinander auftreten. Studien zeigen, dass Progesteron zur Prävention einer Fehlgeburt bei Frauen mit vorangegangenen Fehlgeburten oder drohender Fehlgeburt in einigen Fällen sinnvoll ist5,7,8. Dennoch hilft Progesteron nicht bei jeder Frau mit habituellen Aborten. In einer sehr großen Studie wurde das Risiko einer weiteren Fehlgeburt nur bei Frauen mit frühen Schwangerschaftsblutungen und drei oder mehr vorangegangenen Aborten deutlich gesenkt5. Ob Progesteron für Sie in Frage kommt, klären Sie daher am besten mit Ihrer Frauenärztin oder Ihrem Frauenarzt.

Referenzen

  1. Maerdan M, Shi C, Zhang X, Fan L. The prevalence of short cervix between 20 and 24 weeks of gestation and vaginal progesterone for prolonging of gestation. The journal of maternal-fetal & neonatal medicine: the official journal of the European Association of Perinatal Medicine, the Federation of Asia and Oceania Perinatal Societies, the International Society of Perinatal Obstet. 2017;30(14):1646-1649.
  2. Romero R, Conde-Agudelo A, Da Fonseca E, et al. Vaginal progesterone for preventing preterm birth and adverse perinatal outcomes in singleton gestations with a short cervix: a meta-analysis of individual patient data. American journal of obstetrics and gynecology. 2018;218(2):161-180.
  3. Romero R, Yeo L, Miranda J, Hassan SS, Conde-Agudelo A, Chaiworapongsa T. A blueprint for the prevention of preterm birth: vaginal progesterone in women with a short cervix. Journal of perinatal medicine. 2013;41(1):27-44.
  4. Kuon RJ, Voß P, Rath W. Progesterone for the Prevention of Preterm Birth – an Update of Evidence-Based Indications. Geburtshilfe Frauenheilkd. 2019;79(8):844-853.
  5. Coomarasamy A, Devall AJ, Cheed V, et al. A Randomized Trial of Progesterone in Women with Bleeding in Early Pregnancy. The New England journal of medicine. 2019;380(19):1815-1824.
  6. Diagnostik und Therapie von Frauen mit wiederholten Spontanaborten (S2k-Leitlinie). Deutsche, Österreichische und Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG, OEGGG, SGGG); 2018. https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/015-050l_S2k_Spontanabort_Diagnostik_Therapie_2018-12.pdf.
  7. Haas DM, Ramsey PS. Progestogen for preventing miscarriage. The Cochrane database of systematic reviews. 2008(2):Cd003511.
  8. Coomarasamy A, Williams H, Truchanowicz E, et al. A Randomized Trial of Progesterone in Women with Recurrent Miscarriages. The New England journal of medicine. 2015;373(22):2141-2148.