Jede Schwangerschaft verläuft individuell. Trotz des umfangreichen medizinischen Wissens endet dieses erfreuliche Ereignis manchmal bedauerlicherweise viel früher als gewünscht. Das Kind kommt dann zu früh, aber lebensfähig auf die Welt oder die Frau erleidet eine Fehlgeburt (Abort). Dies belastet die betroffenen Frauen und die Paarbeziehung enorm. Insbesondere infolge wiederholter Fehlgeburten, sogenannten habituellen Aborten, steigt die Gefahr, dass eine nächste Schwangerschaft erneut in einer Fehlgeburt endet. Andererseits gibt es anerkannte Risikofaktoren für eine Frühgeburt, deren Kenntnis Gegenmaßnahmen ermöglicht. Lesen Sie hier, in welchen Fällen Progesteron helfen kann.

Progesteron bei drohender Früh- oder Fehlgeburt
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Um einer Frühgeburt vorzubeugen, kann die Verwendung von Progesteron sinnvoll sein.

Wann spricht man von einer Frühgeburt?

Man spricht von einer Frühgeburt, wenn das Baby vor der 37. Schwangerschaftswoche (SSW) zur Welt kommt1. Durch den medizinischen Fortschritt überleben immer häufiger kleinere und unreifere Babys jenseits der 23. bis 24. Schwangerschaftswoche. Diese extremen Frühchen haben meist mit lebenslangen Beeinträchtigungen zu kämpfen. Beispielsweise entwickeln sich viele dieser Kinder verzögert. Daneben ist es möglich, dass das Hör- oder Sehvermögen beeinträchtigt ist. In einigen Fällen sind sogar schwere Hirnschäden möglich.

Im Jahr 2017 kamen in Deutschland 8 % der Babys zu früh auf die Welt1. Das heißt aber auch: Die allermeisten Babys bleiben lange genug im Bauch ihrer Mutter, um optimal auf den Start in ihr eigenes Leben vorbereitet zu sein.

Welche Faktoren erhöhen das Frühgeburtsrisiko?

Das Risiko für eine Frühgeburt ist beispielsweise erhöht bei

  • verkürztem Gebärmutterhals (Zervix),
  • Infektionen,
  • Stress,
  • Bluthochdruck und
  • Mehrlingsschwangerschaften.

Vorzeitige Wehen mit oder ohne Blasensprung sind die Ursache in etwa zwei Dritteln aller Frühgeburten.

Progesteron bei vorzeitig verkürzter Zervix und drohender Frühgeburt

Üblicherweise verkürzt sich die Zervix zum Ende der Schwangerschaft, um auf die Geburt vorzubereiten. Ist die Zervix jedoch vorzeitig verkürzt, also kürzer als 25 mm vor der 24. SSW, steigt das Risiko für eine Frühgeburt. Denn diese Verkürzung führt dazu, dass sich der Muttermund während einer Schwangerschaft zu früh öffnet. Deutschsprachige gynäkologische Fachgesellschaften empfehlen dann eine Progesteronsubstitution. Das heißt, die Frauen führen dem Körper Progesteron zu. Erhältlich ist Progesteron zum Beispiel als Kapsel oder Gel, welche vaginal verabreicht werden.

In speziellen Fällen werden zeitweise Medikamente eingesetzt, um vorzeitige Wehen zu hemmen (Tokolyse)1. Derzeit gibt es keine Empfehlung dazu, ob zusätzliches Progesteron dann ebenfalls sinnvoll ist1.

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Mehrlingsschwangerschaften treten bei Kinderwunschbehandlungen häufiger auf, sie gelten als Risikoschwangerschaften. Bei erkennbaren Risikofaktoren, wie einem verkürzten Muttermund, wird die vaginale Gabe von Progesteron empfohlen.

Progesteron bei Mehrlingsschwangerschaften

Mehrlingsschwangerschaften gelten generell als Risikoschwangerschaften. Beispielsweise liegt die Frühgeburtenrate im Fall von Zwillingsschwangerschaften bei etwa 60 %1. Trotzdem erhält nicht jede Schwangere, die Zwillinge erwartet, direkt Medikamente zur Prophylaxe. Dazu fehlen bislang wissenschaftliche Daten. Bei Frauen mit einer Zwillingsschwangerschaft und einer vorzeitig verkürzten Zervix wird die vaginale Gabe von Progesteron jedoch empfohlen1.

Zu Mehrlingsschwangerschaften kommt es darüber hinaus oft in Folge einer Kinderwunschbehandlung. Denn es werden häufig zwei, mitunter sogar drei befruchtete Eizellen in die Gebärmutter der Frau übertragen. Nach Kinderwunschbehandlung erfolgt die Progesteronsubstitution als Unterstützung der Lutealphase und frühen Schwangerschaft in vielen Behandlungszentren generell bis zur 12. SSW.

Wie häufig sind Fehlgeburten?

Man nimmt an, dass bis zu 50 % aller Schwangerschaften in einer Fehlgeburt enden. Allerdings werden viele Aborte nicht als solche wahrgenommen, da diese völlig unbemerkt in den ersten zwei bis drei Wochen der Schwangerschaft spontan ablaufen. Die Frau weiß dann häufig noch nicht, dass sie schwanger ist und nimmt die Blutung als verspätete Periode wahr. Dabei spricht man von einem Frühabort, wenn die Fehlgeburt innerhalb der ersten 12 bis 14 SSW erfolgt. Treten bei einer Frau drei oder mehr spontane Fehlgeburten vor der 12. SSW auf, handelt es sich hingegen um sogenannte habituelle Aborte. Etwa 1 bis 3 % aller Paare sind davon betroffen2. Infolge dieser steigt das Risiko, dass die nächste Schwangerschaft erneut in einer Fehlgeburt endet.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, eine Schwangerschaft zu unterstützen und zu erhalten. Dennoch helfen diese nicht bei jeder Schwangerschaft oder jeder Frau, eine Fehlgeburt zu vermeiden. Der erste Schritt zur Abortprophylaxe besteht darin, die möglichen Ursachen abzuklären. Diese werden, wenn möglich, gezielt behandelt.

Ursachen für Aborte

Die Ursachen für Abort sind leider sehr vielfältig. Erkrankungen der Mutter zählen dazu, wie Infektionen, Blutarmut oder hormonelle Störungen. Überdies sind genetische Ursachen oder Fehlbildungen des Kindes Gründe für eine Fehlgeburt. Ein erhöhtes Fehlgeburtsrisiko haben außerdem Frauen mit Endometriose oder Veränderungen der Gebärmutter sowie Plazenta. Daneben gibt es noch viele individuelle Ursachen, die eine Fehlgeburt beeinflussen können, wie Drogenmissbrauch. Unter den zahlreichen Ursachen für habituelle Frühaborte wird auch die Lutealphaseninsuffizienz diskutiert. Der dabei auftretende Progesteronmangel ist wahrscheinlich daran beteiligt, dass sich der Embryo nicht weiterentwickelt und es zum Abort kommt.

Ist eine Abortprophylaxe mit Progesteron möglich?

Bei manchen Frauen kann die Gabe von Progesteron helfen, eine Fehlgeburt zu verhindern. Forschungen belegen: Natürliches Progesteron, das vaginal verabreicht wird, verbessert die Nährstoffzufuhr für den Embryo3. Deshalb ist die prophylaktische Gabe von Progesteron bei Frauen mit habituellen Aborten eine Behandlungsoption. Insbesondere bei Frauen mit vier oder mehr vorangegangenen Fehlgeburten sollte die Einnahme von Progesteron erwogen werden4. Eine Studie zeigt außerdem, dass Progesteron die Rate an Lebendgeburten bei Frauen mit vaginalen Blutungen und mindestens einem vorangegangenem Abort erhöht5. Das bedeutet, dass mehr dieser Frauen am Ende ein Baby bekommen, wenn sie bis zur 16. SSW Progesteron einnehmen. Jedoch hilft Progesteron nicht in allen Fällen. Das heißt, es kann trotz der Einnahme von Progesteron zu einer Fehlgeburt kommen.

Progesteron Frühgeburt Test
Progesteron Frühgeburt Test

Manche Frauen machen sich Vorwürfe, dass ein Abort oder eine Frühgeburt auftrat, weil sie sich vielleicht nicht genug geschont haben. Es ist jedoch nicht ausreichend geklärt, ob körperliche Schonung, Arbeitsreduzierung oder sogar Bettruhe einen Abort oder Frühgeburt verhindern. Empfehlungen dafür werden deshalb nur in begründeten Einzelfällen ausgesprochen. Sicher ist dagegen: Zu viel Liegen erhöht das Thromboserisiko der werdenden Mutter und begünstigt Muskelabbau und Osteoporose.

Referenzen

  1. Leitlinienprogramm Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), Östereichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (OEGGG), Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG). Prävention und Therapie der Frühgeburt. AWMF-Registernummer 015-025. Leitlinienklasse S2k. Stand Februar 2019. Version 1.0. 2018.
  2. Diagnostik und Therapie von Frauen mit wiederholten Spontanaborten (S2k-Leitlinie). Deutsche, Österreichische und Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG, OEGGG, SGGG); 2018. https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/015-050l_S2k_Spontanabort_Diagnostik_Therapie_2018-12.pdf.
  3. Stephenson MD, McQueen D, Winter M, Kliman HJ. Luteal start vaginal micronized progesterone improves pregnancy success in women with recurrent pregnancy loss. Fertility and sterility. 2017;107(3):684-690.e682.
  4. Coomarasamy A, Williams H, Truchanowicz E, et al. A Randomized Trial of Progesterone in Women with Recurrent Miscarriages. The New England journal of medicine. 2015;373(22):2141-2148.
  5. Coomarasamy A, Devall AJ, Cheed V, et al. A Randomized Trial of Progesterone in Women with Bleeding in Early Pregnancy. The New England journal of medicine. 2019;380(19):1815-1824.