Obwohl natürliches Progesteron und synthetische Gestagene eine ähnliche Struktur aufweisen, erfolgt die Umwandlung über den Stoffwechsel unterschiedlich. Auch die Wirkungen und Nebenwirkungen weichen teils voneinander ab1. Daher unterscheiden sich auch die Einsatzmöglichkeiten der Substanzen teilweise. Während natürliches Progesteron eine große Rolle in der Kinderwunschbehandlung spielt, dienen synthetische Gestagene unter anderem dazu, eine Schwangerschaft zu verhüten. Bei Wechseljahresbeschwerden kommen sowohl natürliches Progesteron als auch synthetische Gestagene zum Einsatz. Lesen Sie im Folgenden mehr zu den Unterschieden von natürlichem Progesteron und synthetischen Gestagenen.

Warum ist Progesteron nicht gleich Progesteron?

Während natürliches Progesteron identisch zu körpereigenem Progesteron ist, weicht die Struktur der synthetischen Gestagene etwas von der des Progesterons ab. Daher wirken synthetisches Gestagen und natürliches Progesteron ähnlich, dennoch gibt es Unterschiede. Natürliches Progesteron wird beispielsweise viel schneller in der Leber verstoffwechselt. Aufgrund unterschiedlicher Wirkstärken ergeben sich verschiedene Anwendungsgebiete.

 

Natürliches Progesteron in der Frauenmedizin

Natürliches Progesteron hat in der Frauenmedizin einen festen Platz. Es unterstützt Patientinnen bei speziell frauenbedingten Beschwerden in fünf Einsatzgebieten.

Natürliches Progesteron hilft,

Synthetische Gestagene in der Frauenmedizin

Der Einsatz synthetischer Gestagene erfolgt allein oder in Kombination mit Östrogenen. Im Folgenden sind die Einsatzmöglichkeiten aufgeführt2.

Tabelle: Einsatzmöglichkeiten von synthetischen Gestagenen bei Frauen

Synthetisches Gestagen alleinSynthetisches Gestagen + Östrogen
VerhütungVerhütung
MastodynieVerschieben der Periode
ZyklusregulierungMenstruationsschmerzen
GebärmutterkrebsOvarialzysten
Endometriose„Vermännlichung“ der Frau
EndometriumhyperplasieWechseljahresbeschwerden

Gibt es Unterschiede zwischen den synthetischen Gestagenen?

Es gibt synthetische Gestagene, die im Vergleich zu anderen verschieden wirken und andere Begleiterscheinungen auslösen. Als Nebenwirkungen kennt man zum Beispiel androgene und anabole Effekte. Unter androgenen Effekten versteht man eine anregende Wirkung auf männliche Geschlechtsmerkmale, was beispielsweise zu einer stärkeren Körperbehaarung führt. Anabole Effekte sind Muskelaufbau-fördernde Wirkungen. Abhängig von der Tagesdosis und der Art der Anwendung führen Gestagene bei manchen Frauen zu Zyklus- beziehungsweise Blutungsstörungen. Zudem gilt für alle Gestagene: Vor allem zusammen mit Östrogenen eingenommen, treten häufig Mastodynien auf. Auch ein erhöhter Appetit ist bei Einnahme bestimmter Gestagene bekannt.

Welche Gesundheitsrisiken steigen durch künstliche Gestagene?

Leider können einige synthetische Gestagene den Blutdruck und den Stoffwechsel von Kohlenhydraten und Fetten negativ beeinflussen. Das kann bedeuten, dass bei Therapie mit diesen synthetischen Gestagenen die Risiken für eine Diabetes-Erkrankung steigen. Natürliches, mikronisiertes Progesteron ist hingegen stoffwechselneutral.

Die Ergebnisse zur Hormonersatztherapie aus großen epidemiologischen Studien in den USA, England und Frankreich zeigen, dass auch die Art der Verabreichung – ob über den Magen oder über die Haut – wichtig für die sichere Wirkung der Hormone ist3,4. Beispielsweise steigt das Risiko für venöse Thrombosen bei einer Hormontherapie. Treten Thrombosen auf, liegt oft eine Anfälligkeit (Prädisposition) vor, aber das Risiko ist offenbar vor allem vom Applikationsweg des Östrogens abhängig. Hier zeigt sich: Über die Haut verabreichte Östrogene allein oder zusammen mit oral angewendetem natürlichem Progesteron sind vergleichsweise sicherer als bestimmte künstliche Gestagene und oral eingenommene Östrogene5.

Progesteron besitzt eine schlaffördernde Wirkung und sollte daher abends verabreicht werden.

Vorteil von natürlichem Progesteron bei der Hormontherapie

Laut wissenschaftlichen Studien vermindert natürliches Progesteron die eher unerwünschten Effekte von Östrogenen auf das Brustgewebe6. Dies erforschten Wissenschaftler am weltweit renommierten Karolinska-Institut in Stockholm6. Auch die schon lang bekannte schlaffördernde Wirkung von abends verabreichtem Progesteron lässt sich durch natürliche Substanzen gut nutzen7. Im zentralen Nervensystem wird Progesteron in einen Stoff umgewandelt, der diese positive Wirkung auslöst. Hingegen wandelt der Körper synthetische Gestagene nicht in diesen schlaffördernden Stoff um.

Positive Wirkung überwiegt meistens

Mögliche Risiken von Medikamenten gilt es immer gegen deren positive Wirkungen abzuwägen. Speziell das Thema „Gesundheitsrisiken durch Hormontherapien“ verunsichert viele Frauen, die auf der Suche nach einer geeigneten Therapie für ihre Beschwerden sind. Vor allem das Risiko, durch eine Gestagen-Hormontherapie an Brustkrebs zu erkranken, nimmt keine Frau leichtfertig auf sich. Für Verunsicherung sorgte insbesondere die Women’s Health Initiative (WHI) mit über 16.000 Frauen nach den Wechseljahren. Darin wurde Anfang der 2000er Jahre die Wirkung eines Gestagens (Medroxyprogesteronacetat) zusammen mit Östrogenen untersucht. Da häufiger Herzinfarkte und Schlaganfälle auftraten und die Risiken für Brustkrebs und Lungenembolien anstiegen, wurde die Studie vorzeitig abgebrochen6.

Inzwischen gibt es neuere Erkenntnisse. Außerdem wurden von den WHI-Studienautoren selbst Fehlinterpretationen der Studie beklagt. Heutzutage wird davon ausgegangen, dass bei Frauen, die eine Hormonersatztherapie relativ früh nach Eintreten der Menopause beginnen, der Nutzen die Risiken überwiegt, sofern keine Gegenanzeigen vorliegen9. Die Risiken können außerdem durch verschiedene Faktoren zusätzlich verringert werden3,4. Dazu gehören die Anwendung von Östrogenen in niedriger Dosierung oder über die Haut sowie auch der Einsatz von natürlichem mikronisierten Progesteron.

Referenzen

  1. Atwood CS, Ekstein SF. Human versus non-human sex steroid use in hormone replacement therapies part 1: Preclinical data. Mol Cell Endocrinol. 2019;480:12-35.
  2. Fessler B. Von den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten der Gestagene. Deutsche Apotheker Zeitung. 2013;23. https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2013/daz-23-2013/von-den-vielfaeltigen-einsatzmoeglichkeiten-der-gestagene.
  3. The 2017 hormone therapy position statement of The North American Menopause Society. Menopause. 2017;24(7):728-753.
  4. Baber RJ, Panay N, Fenton A, Group IMSW. 2016 IMS Recommendations on women’s midlife health and menopause hormone therapy. Climacteric. 2016;19(2):109-150.
  5. Canonico M. Hormone therapy and risk of venous thromboembolism among postmenopausal women. Maturitas. 2015;82(3):304-307.
  6. Murkes D, Lalitkumar PG, Leifland K, Lundstrom E, Soderqvist G. Percutaneous estradiol/oral micronized progesterone has less-adverse effects and different gene regulations than oral conjugated equine estrogens/medroxyprogesterone acetate in the breasts of healthy women in vivo. Gynecol Endocrinol. 2012;28 Suppl 2:12-15.
  7. Schussler P, Kluge M, Yassouridis A, et al. Progesterone reduces wakefulness in sleep EEG and has no effect on cognition in healthy postmenopausal women. Psychoneuroendocrinology. 2008;33(8):1124-1131.
  8. Rossouw JE, Anderson GL, Prentice RL, et al. Risks and benefits of estrogen plus progestin in healthy postmenopausal women: principal results From the Women’s Health Initiative randomized controlled trial. JAMA. 2002;288(3):321-333.
  9. Chester RC, Kling JM, Manson JE. What the Women’s Health Initiative has taught us about menopausal hormone therapy. Clinical cardiology. 2018;41(2):247-252.