Auf der Suche nach verträglichen Präparaten zur Anxiolyse haben Wissenschaftler bereits seit geraumer Zeit Progesteron und seine neuroaktiven Metabolite im Visier. Sie erhoffen sich deutlich weniger unerwünschte Wirkungen. Erste Ergebnisse sind positiv.

Nicht nur die peripheren endokrinen Organe sind Produktionsquellen für Steroidhormone, auch im Zentralnervensystem können einige dieser Substanzen synthetisiert und akkumuliert werden. Auf manche dieser Neurosteroide könnte eine große Zukunft als anxiolytische Wirksubstanzen zukommen. Die Wirkung von Progesteron in der Anxiolyse ist im Tiermodell und kleineren klinischen Studien gut beschrieben. Bei Frauen mit Angststörungen können sich die Symptome in Phasen mit hohen Progesteronspiegeln bessern, etwa in der Lutealphase und der Schwangerschaft. Für die Effekte wird hauptsächlich das neuroaktive Allopregnanolon, zusätzlich auch Pregnanolon, verantwortlich gemacht. Diese Neurosteroide sind wichtige endogene Modulatoren von Stimmung und Angstgefühlen. Sie könnten damit als Basis für die Entwicklung neuer Medikamente gegen affektive Störungen dienen.

In der Hormonersatztherapie kann die transdermale Verabreichung von Estradiol und die Verwendung von natürlichem Progesteron einen relevanten Nutzen und zusätzliche Sicherheit bieten.


L’Hermite M, Simoncini T, Fuller S, Genazzani AR. Could transdermal estradiol + progesterone be a safer postmenopausal HRT? A review. Maturitas. 2008; 60:185-201.

Neuroaktive Progesteron-Derivate als Alternative zu Benzodiazepinen?

Bei Angststörungen wirken Psychotherapie und Antidepressiva – allerdings erst nach längerer Zeit. Benzodiazepine dämpfen die Angst meist kurzfristig und schnell, führen bei längerer Einnahme jedoch zu erheblichen Nebenwirkungen. Wissenschaftler am Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie haben einen alternativen Mechanismus erforscht: Aus Neurosteroiden, die sich vom Progesteron ableiten, können neue Anxiolytika entwickelt werden. Eine entsprechende Substanz zeigte im Tierexperiment sowie in einer klinischen Studie deutlich weniger Nebenwirkungen. Neurosteroide entfalten ihre regulatorische Wirkung wie die klassischen Hormone über die Bindung an bestimmte Strukturen im Zellkern. Sie sind aber auch in der Lage, die neuronale Erregbarkeit über Bindungsstellen an Ionenkanälen – etwa am GABA-Bezodiazepin-Rezeptor-Komplex – zu modulieren.

Allopregnanolon dämpft die neuronale Erregbarkeit

Die nicht-genomische Wirkung auf die Aktivität von Nervenzellen wird vermittelt durch eine allosterische Modulation von Ionenkanälen oder G-Proteinen. Besonders gut untersucht ist der Effekt von Progesteron und seinen Metaboliten (Allopregnanolon, Pregnanolon) auf den GABAa-Rezeptor:
Das Steroid lagert sich spezifisch – unmittelbar in der Nachbarschaft des GABAa-Rezeptors – in die Membran ein. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass der Chlorid-Kanal häufiger und länger geöffnet wird. Die verstärkte Wirkung des inhibitorischen Rezeptors führt letztlich zur verminderten neuronalen Erregbarkeit. Die Bindungsstelle der Neurosteroide unterscheidet sich von derjenigen der klassischen Benzodiazepine und Barbiturate. Verminderte Allopregnanolon-Spiegel könnten auch bei Patienten mit endogener Depression eine Rolle spielen: In einer kleineren Studie lag die Konzentration im Liquor um rund 60 Prozent niedriger als bei gesunden Kontrollen. Unter selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern normalisierten sich die Spiegel des Neurosteroids – parallel zu den Verbesserungen in der Hamilton-Rating-Skala.

Umwandlung zu Neurosteroiden Grundvoraussetzung für die Anxiolyse

Voraussetzung für diese Wirkungen von Progesteron im zentralen Nervensystem ist nach übereinstimmender Auffassung der Experten die Metabolisierung zu den neuroaktiven Metaboliten. Synthetische Gestagene können nicht zu solchen Neurosteroiden umgewandelt werden.