Progesteron und Schwangerschaft sind eng miteinander verknüpft. Progesteron ist essentiell für den Eintritt einer Schwangerschaft und ihren Erhalt. Bei primärer und sekundärer Lutealinsuffizienz ist die exogene Gabe unabdingbar zum Erhalt der Frühschwangerschaft. In stimu­lierten Zyklen ist sie Standard, bei Risiko-Patientinnen für Frühgeburten sinnvoll.

Progesteron hat vielfältige Aufgaben im Uterus:

  • Hemmung der östrogenbedingten Proliferation des Endometriums
  • Sekretorische Umwandlung des Endometriums
  • Förderung der Implantation
  • Erhalt der Frühschwangerschaft
  • Förderung des Uteruswachstums
  • Hemmung myometrialer Kontraktionen

Aus den Granulosazellen bildet sich nach Follikelruptur und Ovulation das Cor­pus luteum. Es ist verantwortlich für die Sekretion von Progesteron und Estradiol in der zweiten Zyklusphase. Bei Befruchtung der Eizelle und Implantation wächst es und trägt die Schwangerschaft über die ersten zwei bis drei Monate. Wenn die Placenta die Biosynthese von Progesteron über­nimmt, bildet es sich langsam zurück.

Komplexe Regulation der Progesteronbildung

Die Progesteronbildung des Corpus luteum ist primär abhängig vom Anstieg des luteinisierenden Hormons (LH). Regulierend wirken eine Reihe von Faktoren: FSH, Prolaktin, Prostaglandine, ß-adrenerge Substanzen und autokrine sowie parakrine Wachstumsfaktoren. Im komplexen Zusammenspiel inhibiert Aktivin die Pro­ge­steron-Sekretion, Follistatin aus Granulosazellen wiederum bindet Aktivin.

Progesteron bei Lutealinsuffizienz

Bei Corpus-luteum-Insuffizienz ist die Gabe von Progesteron etabliert. Bei stimulierten Zyklen im Rahmen der assistierten Repro­duktion tritt regelhaft eine Lutealinsuffizienz auf. Diese kann durch die prophylakti­sche Gabe von mikroni­siertem Progesteron behoben werden. Dadurch erhöht sich die Schwan­gerschafts­rate signifikant, wie eine Cochrane-Arbeit ausweist.

Erhalt der frühen und späten Schwangerschaft

Die wichtige Rolle von Progesteron, eine Schwangerschaft zu erzielen, zeigt sich in der assistierten Repro­duktion. Bei ovarieller Stimulation ist die Gabe von Progesteron zur Behebung des Lutealphasendefekts Standard. Die Applikation sollte ab dem Tag der Eizellentnahme erfolgen, keinesfalls später als zum Zeitpunkt des Embryotransfers. Progesteron wird zunächst bis zum Schwangerschaftstest angewendet. Verläuft dieser positiv, geben die meisten Zentren Progeste­ron weiter bis zum sonographischen Nachweis einer intak­ten intrauterinen Schwangerschaft oder auch bis zur 8.-12 SSW.

Bei Frauen mit habitueller Abortneigung und Lutealinsuffizienz kann eine prophylaktische Progesterongabe eine Behandlungsoption sein. Die Daten zur Wirksamkeit sind allerdings nicht eindeutig.

Progesteron bei drohender Frühgeburt

Während der Schwangerschaft ist die Progesteron-Produktion der Placenta ein wichtiger Faktor bei der Aufrechterhaltung der Gravidität. Bei vielen Tierarten leitet ein Abfall des Gelbkör­perhormons die Wehen ein, beim Menschen ist dies nicht so eindeutig und es wird von einem funktionellen Progesteronentzug gesprochen.

Frühgeburten sind oft die Hauptursachen für die perinatale Morbidität und Mortalität. Die langfristige Prophylaxe mit Progesteron kann dieses kindliche Risiko bei Frau­en mit vorangegangenen Frühgeburten vermindern. Insbesondere hat sich die vaginale Anwendung von Progesteron bewährt, wenn im zweiten Trimenon vaginalsonographisch eine verkürzte Zervix gemessen wurde.

Progesteron ist – zum Teil dosisabhängig – für Schwangerschaft-typische Veränderungen verantwortlich: Zen­trale Regelverstellungen wie etwa die veränderte Temperatur-Regulation (Erhöhung der Basaltemperatur), Atmung (Hyperventilation) und gesteigerten Appetit.